Bitte wählen Sie einen Menüpunkt:

Interview mit Franz Hilt

Nur wer teilt
gehört zusammen

Emotionale Einblicke in das Angebot „Freiburger Sozialtraining und systemische Mobbingintervention“

von Franz Hilt (proJugend 3/2019; das Interview führte Jörg Breitweg)

Das Freiburger Sozialtraining und die systemische Mobbingintervention sind Angebote des Präventionsprogramms Konflikt-KULTUR für Schulklassen und andere feste Gruppen. Es zielt auf die Förderung der sozialen Kompetenz sowie der emotionalen Intelligenz. Sowohl das Sozialtraining als auch die Mobbingintervention werden mit der gesamten Gruppe/Klasse durchgeführt.

Anna ist die Letzte, die den Raum betritt. Zur Begrüßung gebe ich ihr, wie allen, die Hand. Während die Hände einiger Jungen einem Schraubstock ähneln, ist Annas Hand kaum zu spüren. Auch andere Mädchen haben einen ähnlich schwachen Händedruck, doch Anna schaut mich nicht einmal an. Ich frage: „Wo sind deine Augen?” und erhasche einen kurzen Blick. Frau Schneider, Annas neue Klassenlehrerin, hat das Sozialtraining angefragt. Ein Kollege, in dessen Klasse im vergangenen Schuljahr ein Schüler gemobbt worden war, hatte es ihr empfohlen. Das Sozialtraining soll das Klima in der Klasse verbessern, Konflikte klären und Mobbing vorbeugen bzw. lösen, und das will die Lehrerin gerne tun.

Was weiß ich über die 12 Schülerinnen und 14 Schüler der 9a, die mit mir im Stuhlkreis sitzen? Fast nichts. Im vergangenen Schuljahr kam es angeblich immer wieder zu Auseinandersetzungen. Zum Schuljahreswechsel wurde ein Schüler, Yusuf, deshalb in die Parallelklasse versetzt. Er habe die Klasse im Griff gehabt und den anderen in der Klasse, sowie einigen Lehrkräften das Leben schwergemacht, berichtet Frau Schneider. Nasrin wird Yusuf später als Diktator bezeichnen, der in der Klasse gemacht habe, was er wollte. Sie sehe ihn noch oft auf dem Schulhof. Er sei ein Freund, trotzdem sei sie froh, dass er weg ist, es sei jetzt besser in der Klasse, weniger Angst und weniger Störungen. 

Doch davon weiß ich zu Beginn noch nichts. Ich stelle mich vor und nenne die Ziele des Trainings: Eine vertrauensvolle Klassengemeinschaft, in der sich jede und jeder wohlfühlen kann, um gut zusammenleben und zusammenarbeiten zu können. Meine Aufgabe: die Klasse dabei unterstützen. Voraussetzung von Seiten der Klasse: Ehrlichkeit, damit ich weiß, wie es den Schülerinnen und Schülern wirklich geht. Doch Ehrlichkeit ist in Schulen oft Mangelware, das weiß ich aus vielen anderen Sozialtrainings. „Was kann einen davon abhalten, in der Schule ehrlich zu sein?”, frage ich deshalb. „Angst”, sagt Jan. „Was braucht ihr, um diese Angst zu überwinden”, frage ich weiter. „Mut”, meint Nasrin. Davon habe sie eine Menge. Sie lasse sich nichts gefallen. Ich fasse zusammen: „Die beiden Tage sind ein Training in Ehrlichkeit und Mut, damit eine vertrauensvolle Klassengemeinschaft entsteht und alle sich wohlfühlen können.”

Ungefähr eine Stunde später sitzen alle Jugendlichen über einen gelben Zettel gebeugt und schreiben auf, was sie am Verhalten der anderen in der Klasse nervt, ärgert oder gar verletzt. Namen sind nicht gefragt. Anlass für diesen Arbeitsauftrag: In der vorherigen Übung wurde mehrfach über Beleidigungen, Lästern und körperliche Attacken in der Klasse berichtet. Die Offenheit auf mein Nachfragen war sehr begrenzt:

„Weiß nicht” oder „keine Ahnung” waren die Antworten.

Anna, aber auch andere, wichen aus oder schwiegen. Sie waren nicht bereit, sich mitzuteilen. Daraufhin erklärte ich den Schülerinnen und Schülern, dass meinungsarme Klassen „tote” Klassen sind. In einer „lebendigen” Klasse dagegen gilt: „Ich kann meine Meinung sagen, egal ob es den anderen gefällt oder nicht.” Nasrin meinte, im vergangenen Schuljahr sei es noch viel krasser gewesen.

15 Leute ärgern sich über „ständiges Auslachen”. Fast alle haben „Beleidigungen”, „Lästern”, „Fertigmachen” und Ähnliches aufgeschrieben. „Wenn ich immer mit einem blöden Kommentar rechnen muss, sage ich halt gar nichts mehr.”, meint Valentino. „Alle hängen nur in ihren Cliquen rum. Wir haben es seit der Fünften nicht geschafft, eine Klassengemeinschaft zu sein.” Bis zu diesen ehrlichen Aussagen ist es ein steiniger Weg. 

Etliche Jungen und Mädchen zögern, ihre gelben Zettel vorzulesen. „Was könnte denn passieren?”, will ich von Louis wissen. „Du brauchst ja keine Namen zu nennen, es geht nur um Verhalten.” Er zögert noch immer. „Was könnte dir helfen?” Was Louis irgendwann schafft, bleibt für Anna unmöglich. Ihre Angst ist zu groß.

Zu Beginn des zweiten Tages geht es um Jan. Er hat im vergangenen Jahr am meisten unter Yusuf gelitten. Trotz dessen Weggang haben die anderen mit der Schikane einfach weitergemacht. Auf meine Nachfrage nennt die Klasse mehr als 30 Punkte: Beleidigung, Ausgrenzung, Sachen kaputt machen, Erniedrigung etc. Mobbing, wie es sehr oft vorkommt. Die Klasse ist betroffen, berührt, manche sind schockiert und weinen, sie zeigen Mitgefühl, wollen Jan künftig helfen. Auf die Frage, wem es schon einmal ähnlich ergangen sei, meldet sich Anna. Vergangenes Jahr, meint sie, deshalb habe sie die Schule gewechselt. Nasrin schiebt ihr ein Taschentuch rüber – wer teilt, gehört zusammen.


Freiburger Sozialtraining und systemische Mobbingintervention – Systemisch denken und handeln 

2012 wurde das Landesnetzwerk Konflikt-KULTUR gegründet. Über Mittel des Ministeriums für Soziales und Integration in Stuttgart wurden seither über 500 geförderte Sozialtrainings in Schulklassen und Einrichtungen der Jugendhilfe in Baden-Württemberg durchgeführt. Die zehntägige Fortbildung „Freiburger Sozialtraining und systemische Mobbingintervention“ findet bundesweit statt. Seit 2017 bietet Aktion Jugendschutz Bayern die Fortbildung in München an. In Baden-Württemberg haben mittlerweile etwa 1000 Personen daran teilgenommen.

Im Rahmen einer wissenschaftlichen Arbeit (randomisierte Kontrollstudie) mit drei Messzeitpunkten wurde die Wirkung des Angebots untersucht. Die Ergebnisse bestätigen die beabsichtigte Wirkung des Trainings: Das Freiburger Sozialtraining nach Konflikt-KULTUR wirkt sich insbesondere positiv auf das Klassenklima aus. So nahm das Ausmaß an Aggression gegen Gleichaltrige und gegenseitiger Diskriminierung sowohl nach Einschätzung der Schülerinnen und Schüler, als auch der Lehrkräfte ab. Es zeigten sich signifikante Veränderungen und Effekte mittlerer und großer Stärke pro Training. Während die ausgeübte Viktimisierung in den Trainingsklassen abnahm, stieg sie in den Kontrollklassen an. Das bedeutet, die Jugendlichen fühlten sich sicherer und ihre Angst, Opfer zu werden, war nach Einschätzung der Lehrkräfte deutlich geringer. (Vgl. Linßer 2017)


Interview mit Franz Hilt, Leiter des Referats Prävention des AGJ-Verbandes

Jörg Breitweg: Herr Hilt, in Ihrem Erlebnisbericht aus einer Durchführung des Freiburger Sozialtrainings scheinen einige tiefgreifende Probleme der Klasse aufgedeckt zu werden. Gerät eine solche Intervention nicht schnell aus dem Ruder?

Franz Hilt: Mit den entsprechenden Methoden, einer intensiven Fortbildung und klaren Rahmenbedingungen lassen sich die Konflikte der Klasse sehr gut bearbeiten und gleichzeitig Eskalationen vermeiden.

Sie begrüßen zu Beginn des Trainings die Schülerinnen und Schüler mit Handschlag und fordern Augenkontakt ein. Gehört das zum Konzept und wenn ja, warum ist das so wichtig?

Handschlag und Augenkontakt sind erste Gelegenheiten, um in Beziehung zu treten. Schülerinnen und Schüler begreifen sehr schnell, ob sie sich auf eine Lehrkraft oder in diesem Fall einen Trainer einlassen können und wollen. John Hattie, Autor der Metastudie „Lernen sichtbar machen“, benennt als eine der wesentlichen Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen die Lehrer-Schüler-Beziehung. Deshalb ist es wichtig, das Training von Beginn an so zu gestalten, dass diese Beziehung gefördert wird.

Braucht es hierfür nicht eine besonders ausgereifte Persönlichkeit?

Fortbildungen, die den Anspruch haben, zu einer solchen Arbeit zu befähigen, sind eine Art Persönlichkeitstraining, das stimmt. Unsere Fortbildung umfasst zehn Tage, von denen wir an zwei Tagen vor den Augen der Teilnehmenden mit einer Klasse und deren realen Konflikten arbeiten. Das macht es leichter, die Methoden und vor allem die dahinterstehende Haltung zu verstehen.

Zentraler Punkt ist die Fähigkeit zur Gruppen- und Klassenführung. Nur wer Führungsstärke zeigt, z. B. bei abwertenden Kommentaren in der Lage ist, die Betroffenen zu schützen und Respekt einzufordern, bietet Verlässlichkeit. Wenn wir im Sozialtraining den Schülerinnen und Schülern klar und zugleich wertschätzend begegnen, vertrauen sie uns und berichten, was wirklich hinter den Kulissen der Klassen- oder Gruppenfassade läuft. Sie respektieren das Training und orientieren sich an dessen Zielen.

Ist es möglich, dies in zehn Fortbildungstagen zu lernen oder muss man das bereits können?

Im Vorteil sind pädagogische Fachkräfte, die selbst als Kind und Jugendliche einen klaren und wertschätzenden – den sogenannten autoritativen – Erziehungsstil erlebt haben. Ihnen fällt es leichter, sich selbst so zu verhalten. Doch wer hat stets einen solchen Erziehungsstil erfahren? Anders ausgedrückt: Ich habe unter den von mir geleiteten Fortbildungen nur selten jemanden erlebt, der gar nicht dazu in der Lage war. Wichtig sind neben Methodenkompetenz eine klare erzieherische Haltung und ein unterstützendes Umfeld. Lehren kann man alleine, erziehen nur gemeinsam. Wer das Freiburger Sozialtraining und die systemische Mobbingintervention umsetzen will, braucht die Unterstützung von Kollegen, Schulleitung und Eltern. Prävention und Intervention bilden ein Gesamtkonzept, das dann am wirksamsten ist, wenn es strukturell gut eingebunden ist.

Welche Ziele werden im Freiburger Sozialtraining verfolgt?

Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, Empathie und Mitgefühl, Respekt, Selbstkontrolle und Zivilcourage, Selbst- und Fremdwahrnehmung. Die Konflikte in der Klasse sind sozusagen das Rohmaterial für das Training personaler und sozialer Kompetenzen. Voraussetzung hierfür ist ein gut strukturierter und damit sicherer Rahmen, in dem die Schülerinnen und Schüler das, was sie bewegt, zur Sprache bringen können. Die Arbeit damit fordert von der Leitung ein hohes Maß an situativer Führung und von den Teilnehmenden ein hohes Maß an Ernsthaftigkeit und Ehrlichkeit. Die Kinder und Jugendlichen äußern, was ihnen an ihrer Klasse/Gruppe gut gefällt und was nicht. Sie vereinbaren wenige elementare Regeln, sozusagen die Grundaussagen der universellen Menschenrechte und damit unserer Demokratie, die zugleich die Basis der Gewalt- und Mobbingprävention bilden.

Und wenn Mobbing in der Klasse stattfindet, führen Sie eine Intervention durch?

Richtig. Wenn die Klasse neben der Prävention eine Intervention braucht, führen wir diese am zweiten Tag durch. Freiburger Sozialtraining und systemische Mobbingintervention, beide zusammen bilden ein Gesamtkonzept.

Die Ergebnisse wissenschaftlicher Studien, beispielsweise von Mechthild Schäfer in München, bestätigen sich in unserer Praxis: in nahezu jeder Klasse findet Mobbing statt. Daher führen wir während jedes Freiburger Sozialtrainings eine entsprechende Diagnostik durch und können bei Bedarf intervenieren. Die ganze Klasse ist zusammen, alle bekommen alles mit. Die Intervention hat bei diesem Setting die größte Wirkung. Ein systemisches Problem wie Mobbing, das alle betrifft, sollte auch mit allen gemeinsam gelöst werden.

Muss damit bei Konflikt-KULTUR eine Mobbingintervention stets in ein Sozialtraining eingebunden sein?

Nein, im Prinzip nicht. Aber in der Praxis ist es meist der Fall. Das Sozialtraining ist die ideale Vorbereitung. Die Kinder und Jugendlichen schöpfen durch die intensive Zusammenarbeit im Training Vertrauen zu den Trainerinnen und Trainern und sind dann bereit, offen über ihre Probleme zu sprechen. Das gesamte Freiburger Sozialtraining umfasst zwei Tage, die systemische Mobbingintervention dauert durchschnittlich 50 Minuten. Findet die systemische Mobbingintervention einzeln statt, umfasst sie vier Stunden.

Das Sozialtraining braucht aber keinen konkreten Anlass. In vielen Schulen ist es Teil des allgemeinen Sozialkurrikulums und findet z. B. jährlich in allen dritten oder achten Klassen statt. Wenn das Know-how zur Durchführung in der Schule selbst vorhanden ist, kann die Nachhaltigkeit besser gesichert werden. Neben den Lehrkräften spielt dabei die Jugendsozialarbeit an Schulen eine große Rolle.

Sie haben bei den Zielen von „Menschenrechten“ gesprochen. Wie ist das in diesem Zusammenhang zu verstehen?

Die Menschenrechte bilden den formalen Werterahmen für unser Zusammenleben. Findet Mobbing statt, werden diese beim Opfer missachtet. Die Person wird beleidigt, geschlagen und diskriminiert. Gleichzeitig kommt den Mobbing-Akteuren das Unrechtsbewusstsein für ihr Handeln mehr und mehr abhanden. Normen, die sonst unter den Gleichaltrigen Bestand haben, gelten für das Opfer zunehmend nicht mehr. Die Reaktivierung des Werte- und Normenrahmens ist daher eine zentrale Aufgabe jeder Mobbingintervention. Das Wort Menschenrechte betont dabei die große Bedeutung dieses Rahmens, denn Menschenrechte sind nicht verhandelbar. Deren Einhaltung entscheidet sich im schulischen Alltag vor Ort. Konkret geht es um seelische und körperliche Unversehrtheit sowie das Recht auf Eigentum.

Die Mobbingintervention richtet sich gegen abwertendes und verletzendes Verhalten. Im Fokus stehen die Handlungen, nicht die Person des „Täters“, was viele Vorteile mit sich bringt. Die Konzentration auf das schikanierende Verhalten, anstatt der Suche nach Schuldigen, erhöht die Akzeptanz der Maßnahme erheblich. Die Kinder oder Jugendlichen beteiligen sich aktiv an der Aufdeckung des Mobbingverhaltens. Aufdeckung bedeutet Öffentlichkeit, einer der größten Feinde von Mobbing.

Zu Beginn der Intervention versprechen wir der Klasse, dass es weder um Namen noch um Schuld und damit auch nicht um Strafe gehen wird – es geht um Hilfe. So kann jede und jeder offen und ehrlich auf die Frage antworten: Was bekommt das Opfer alles ab, wie werden seine Menschenrechte in dieser Klasse verletzt?

Jetzt sind wir ja schon fast mitten in der Intervention. Welche Bedingungen müssen sonst noch vorhanden sein, damit sie erfolgreich ist?

Mobbing in einer Schule oder Jugendhilfeeinrichtung ist als gruppendynamisches Problem aufzufassen, an dessen Entstehung und Aufrechterhaltung die gesamte Klasse oder Gruppe beteiligt ist. Folglich müssen auch alle Mitglieder der Klasse oder Gruppe in die Lösung des Problems einbezogen werden, auch die Klassen- und Schulleitung bzw. Gruppen- und Einrichtungsleitung. Jede und jeder übernimmt Teilaufträge entsprechend der eigenen professionellen pädagogischen Rolle und des gesetzlichen Auftrags. Leitet eine unserer Trainerinnen oder einer unserer Trainer die Intervention, findet ein ausführliches Vorbereitungsgespräch mit der Klassenleitung statt. Es geht um Anlass, Erwartungen und Elternbeteiligung. Die Klassenleitung muss während des Trainings permanent anwesend sein, denn sie verantwortet die gesamte Maßnahme im Rahmen ihres Erziehungsauftrags. Die Klassen- und Schulleitung stehen mit ihrer Unterschrift für die Nachhaltigkeit der Intervention und sagen die Nachsorge zu. Angesichts der Fülle an Aufgaben in jeder Schule, besteht stets die Gefahr mangelnder Konsequenz bei der mehrere Monate umfassenden Nacharbeit.

Es muss also gewährleistet sein, dass die Einrichtung, in der Mobbing stattfindet, die Verantwortung für die Lösung übernimmt. Wie ist das indes bei Cybermobbing?

Mobbing und Cybermobbing sind die beiden Seiten derselben Medaille und werden zeitgleich bearbeitet. Eine künstliche Trennung zwischen beiden Phänomenen vorzunehmen, widerspräche der Lebensrealität der Kinder und Jugendlichen.

Was tun Sie also, wenn Sie feststellen, dass Mobbing in der Klasse stattfindet?

Jeder Fall ist anders. Die Intervention ist klar in sieben Schritte strukturiert und wird gleichzeitig individualisiert an die Bedürfnisse und Erfordernisse der Beteiligten und der je eigenen Gruppendynamik angepasst. Letztlich steht und fällt die Intervention mit der Zustimmung des Opfers und dessen Eltern. Wurde Mobbing festgestellt, wird beiden eine Intervention angeboten, empfohlen und erklärt. Fast immer stimmen sie zu und sind froh, professionelle Hilfe zu erhalten. Gleichzeitig sind Unsicherheit und Zweifel mehr als verständlich. Deshalb sind geduldiges Erklären, sowie Respekt vor einer ablehnenden Entscheidung Voraussetzung. Meist helfen dem Opfer konkrete Information über die Intervention: Es kommt in erster Linie auf die anderen an, das Opfer selbst muss vergleichsweise wenig beitragen. Es geht nicht um Schuld, Strafe und Tätersuche, sondern darum, dass das Mobbing aufhört. In seltenen Fällen macht das Opfer von der Möglichkeit Gebrauch, der Intervention zuzustimmen, aber selbst nicht teilzunehmen. Das klingt verlockend, nimmt ihm aber die Erfahrung, von den spontanen Sympathie- und Solidaritätsbekundungen der Klasse während der Intervention zu profitieren. 

Sie sprechen von sieben Schritten in der systemischen Mobbingintervention. Können Sie diese kurz und anschaulich umreißen?

Zunächst geht es darum, das Opfer zu identifizieren und – ebenso wie seine Eltern – zur Intervention zu motivieren. Die Diagnostik stützt sich im Wesentlichen auf eine geschützte schriftliche Abfrage zur Missachtung der Menschenrechte in der Klasse/Gruppe: Bei wem werden diese Rechte am wenigsten geachtet? Wer muss am meisten einstecken an Beleidigungen, körperlichen Attacken, Sachen wegnehmen? Parallel hierzu werden die Erkenntnisse aus den Gesprächen mit Lehrkräften und pädagogischen Fachkräften, den betroffenen Kindern und Jugendlichen selbst sowie dem vorangehenden Sozialtraining miteinbezogen. 

In den Schritten zwei und drei geht es darum, das Gewalthandeln benennen zu lassen und mithilfe verschiedener Techniken zur Perspektivenübernahme Betroffenheit und Mitgefühl zu ermöglichen. Die Trainerin oder der Trainer stellt sich hierzu vor die Klasse/Gruppe und sagt: „Ich verspreche euch, heute geht es nicht um Namen, ich will keine Namen wissen. Und es geht mir auch nicht um Schuld. Und weil es mir weder um Namen noch um Schuld geht, kann und werde ich auch niemanden bestrafen – keine Namen, keine Schuld, keine Strafe. Mir geht es darum, das Problem zu lösen, das ihr habt und dazu brauche ich eure Hilfe. Genauso offen, wie ihr mir bisher von dem berichtet habt, was euch in der Klasse/Gruppe nervt, genauso offen und ehrlich will ich wissen, was Jan [Beispielname] alles abbekommt. Wie wird er fertiggemacht?“

In den meisten Klassen/Gruppen gehen fast alle Hände hoch. Jeder hat etwas gesehen und kann etwas beitragen. Das Ergebnis ist in der Regel erschreckend. Nach ca. zehn Minuten stehen häufig um die 40 unterschiedliche Verletzungen auf dem Flipchart. Diese Masse an Nennungen macht das Drama von Mobbing begreifbar. Natürlich weiß jeder in der Klasse, dass Jan beleidigt wird, aber niemand hat sich bisher die Mühe gemacht, alle Beleidigungen aufzuschreiben: „XXL-Arschloch, Fettarsch, Wixer, geh’ sterben …“ Ich spüre sie selbst immer wieder körperlich, diese existentielle Bedrohung, die von diesen Attacken ausgeht. Und genau diese persönliche Betroffenheit benennen wir dann auch, z. B.: „Seht, wie viel das ist. Das ist total viel. Vielleicht denkst du, ich sag’ oder mach’ ja nicht so oft was – doch wenn es so viele gibt, die was machen … es ist total viel und grausam.“

Die meisten lassen sich berühren, manche sind erschüttert. Gerhard Roth, Hirnforscher der Uni Bremen, sagt: „Menschen ändern sich dann, wenn sie sich emotional erschüttern lassen.“ Wenn ihnen etwas „unter die Haut“ geht. Das gilt im positiven, wie im negativen Sinn, zum Beispiel bei einem Unfall, einer Trennung oder auch einem großen Glücksgefühl.

Mobbing ist ein triftiger Grund, um sich erschüttern, vom Leid des anderen berühren zu lassen und etwas zu verändern. Mitgefühl ist die wirksamste Voraussetzung für eine nachhaltige Verhaltensänderung, weil verstanden wird, wie es dem anderen Menschen wirklich geht.

Wie geht es dem Opfer, wenn das Mobbing aufgedeckt wird?

Für das Opfer ist diese Phase einerseits belastend, weil alles ans Licht kommt, andererseits ist diese Phase ein wichtiger Schritt zur Heilung: Das Opfer ist nicht mehr alleine damit. Sein Leid wird gesehen, bezeugt und anerkannt und damit entsteht eine gemeinsame Wirklichkeit. Die Betroffenheit vieler zu spüren, gibt dem Opfer die Erlaubnis, das Erlittene als bedeutend zu empfinden. Das Mitgefühl der Erwachsenen und der Gleichaltrigen zu spüren, tut gut. Lange musste es den Schmerz verstecken. Jetzt wird ihm Raum gegeben und Akzeptanz entgegengebracht.

Warum ist Ihrer Meinung nach das Mitgefühl so entscheidend?

Die bloß rationale Erläuterung der Grund- und Menschenrechte reicht zur Verhinderung des dissozialen Verhaltens nicht aus. Die Aktivierung von Mitgefühl ist der wesentliche Schlüssel, um die Attacken zu stoppen und Mobbing zu beenden. Alle anderen Möglichkeiten, um Verhalten pädagogisch positiv zu beeinflussen haben den Nachteil, dass das damit verbundene prosoziale Verhalten nicht intrinsisch motiviert ist. Es ist von äußeren Einflüssen abhängig wie Strafe, Belohnung oder Beziehungsangebot. Mitgefühl macht dem Gegenüber ein Angebot zur Verhaltensänderung, die im Gegensatz zur bloßen Verhaltensanpassung aus eigenem Antrieb motiviert und damit nachhaltig ist. Ein Kind, das ein anderes nur deshalb nicht schlägt, weil Strafe droht, muss kontrolliert werden. Ein Kind, das ein anderes nicht schlägt, weil es Mitgefühl empfindet, kontrolliert sich selbst.

In unserem Programm entwickeln wir Mitgefühl unter anderem durch „emotionale Erschütterung“. Es geht darum, dass sich die Kinder und Jugendlichen emotional berühren lassen und daraus die Bereitschaft entsteht, sich fürsorglich zu verhalten, d.h. anderen nicht wehzutun, sondern ihnen zu helfen. Emotionale Erschütterung hat nichts mit Beschämung zu tun, es geht uns um eine einfühlsame und wertschätzende „Erschütterungsarbeit“ als Bestandteil nachhaltig wirksamer Pädagogik. Kinder und Jugendliche brauchen Erwachsene, die den Mut und das professionelle Methodenwissen haben, sie ihre Verhaltensfolgen erleben zu lassen, die ihnen Angebote zur Perspektivenübernahme machen und ihre Rechtfertigungen auflösen.

Wie verhalten sich Täterinnen und Täter während der Intervention?

Die Trennung von Person und Verhalten ermöglicht auch den Täterinnen und Tätern, sich aktiv zu beteiligen, was ihrem Bedürfnis nach Geltung entgegenkommt. Manchmal sind die Namen Einzelner bereits vor der Intervention bekannt, etwa, weil Lehrkräfte über deren aggressives Verhalten berichten. Es ist verblüffend zu sehen, mit welcher Selbstverständlichkeit sich diese Kinder oder Jugendlichen an der Sammlung der Gewalthandlungen beteiligen. Auch Mobbing-Akteure sind Gefangene ihrer Rolle, die sie u. a. davor bewahrt, selbst Opfer zu werden, aber nicht unbedingt zufrieden macht. Haben sie die Gelegenheit, auf andere, anerkannte Weise Bedeutung zu erlangen, nutzen sie diese meist.

Widerstand gibt es trotzdem. Es ist eine gute Strategie und Übung erforderlich, um mit diesen Widerständen klar zu kommen: Wie kann das Gespräch konstruktiv gesteuert werden? Wie baue ich Filter ein? Wie gehe ich professionell mit Rechtfertigungsstrategien, Bagatellisierungen und Schutzbehauptungen um? Diese Fragen nehmen in unseren Fortbildungen viel Raum ein.

 In Schritt vier arbeiten wir deshalb mit den Verhaltensaufhängern, die Kinder und Jugendliche jeden Alters bemühen, um Mobbing zu rechtfertigen.

Was ist mit den Leuten, die sich trotz bester pädagogischer Absichten und Methoden nicht überzeugen lassen, die kein Mitgefühl entwickeln? Oder anders ausgedrückt, welche konfrontativen Elemente enthält das Konzept?

Sie haben Recht. Es wäre naiv zu glauben, alle könnten und würden Mitgefühl entwickeln. 

Schritt fünf der Intervention lautet daher: Weiteres Gewalthandeln, also Menschenrechtsverletzungen, tabuisieren. Mobbing ist Gewalt in einer seiner massivsten Formen, deshalb darf es sich künftig nicht mehr wiederholen. Aufgabe der Klassenleitung bzw. Gruppenleitung als Inhaberin des formalen Erziehungsauftrags ist, einen Anspruch der Schule oder Einrichtung auf Unterlassung zu proklamieren. Er umfasst all das, was als Mobbingverhalten von den Kindern und Jugendlichen genannt und auf Flipchart fixiert wurde. Die Unterlassungserklärung, wie sie in der Rechtsprechung üblich ist, dient als überzeugender Vergleich. Bei erneuter Gewalt gegenüber dem Opfer kommt es zu Sanktionen. Bis zum jetzigen Zeitpunkt der Intervention galt der Grundsatz „Hilfe ohne Schuldzuweisung“. Er ermöglichte die nötige Transparenz und brachte das Mobbingverhalten im Einzelnen ans Licht. Jetzt, nachdem allen klar ist, dass dieses Verhalten keine Kleinigkeit, sondern eine Verletzung von elementaren Menschenrechten ist, müssen alle, die die körperliche und seelische Unversehrtheit sowie das Eigentum des Opfers künftig verletzen, mit einer Sanktion rechnen. Entscheidend ist, dass das auch konsequent umgesetzt wird.

Die Intervention ändert das Leben des Opfers schlagartig. Die Schikane unterbleibt, Beziehungsangebote werden gemacht. Eltern melden sich und berichten, ihr Sohn oder ihre Tochter sei ein anderer Mensch geworden. Doch so sehr sich die Situation verbessert hat, früher oder später kommt es zu einem Rückfall. Sei es, dass einige zu Mitgefühl und Verhaltensänderung nicht bereit oder nicht dauerhaft fähig sind, oder testen wollen, ob die Erwachsenen es wirklich ernst meinen bzw. konsequent sind.

So falsch es ist, bei Mobbing nur auf Sanktionen zu setzen, so fahrlässig wäre es, bei einem Rückfall im Anschluss an eine Mobbingintervention nicht mit Konsequenzen zu reagieren. Hierbei kann es sich um eine Sanktion, eine angemessene Wiedergutmachung oder eine Kombination aus beidem handeln. Entscheidend ist der Einzelfall. Die größte Bedeutung der Sanktion liegt in der normverdeutlichenden Wirkung auf die Gemeinschaft. Alle müssen sehen, dass Mobbing weiterhin geächtet ist und Menschenrechte sowie die Unterlassungserklärung gelten.

Und die wird kontrolliert?

Ja, zum einen von den pädagogisch verantwortlichen Erwachsenen, und zum anderen von den Gleichaltrigen. Letzteres erhöht die Sicherheit des Opfers in kontrollschwachen (Zeit-) Räumen, z. B. Pausen oder Umkleide. Gleichzeitig schützen wir die Betroffenen mit erprobten und bewährten Mitteln davor, als „Petze“ diffamiert zu werden. 

In Schritt sechs wird ein Helfersystem etabliert.

Mobbing entsteht, wenn sich das Opfer nicht oder ineffektiv wehrt und keine oder zu wenig Unterstützung bekommt. Ein Helfersystem ist in der Lage, diese beiden Entstehungsbedingungen zu kompensieren. Wir unterscheiden sogenannte „Beobachter der Menschenrechte“ und „Buddys“. Als Beobachter der Menschenrechte werden fünf bis sechs Mädchen und Jungen von den Gleichaltrigen gewählt. Sie erhalten Anerkennung und Vertrauen der Klassen- und der Schulleitung. Ausgerüstet mit dieser demokratischen Legitimation ist es ihre Aufgabe, Menschenrechtsverletzungen in der Klasse im Blick zu behalten. Sie berichten, OB und WIE, nicht aber WER eine Verletzung begangen hat. Es geht also nicht ums Verraten, sondern darum, die Klassenleitung über Menschenrechtsverletzungen zu informieren.

„Buddys“ hingegen sind direkte Unterstützer des Opfers. Sie werden nur dann berufen, wenn die Klassenleitung zu dem Schluss kommt, dass das Opfer künftig in heiklen Situationen des Schulalltags persönliche Unterstützung braucht. Buddys greifen beispielsweise ein, wenn das Opfer von Gewalt bedroht ist oder selbst auszurasten droht.

Wie wird die Nachhaltigkeit der Intervention abgesichert?

Mobbing ist ein äußerst hartnäckiges Problem. Der Erfolg der Intervention steht und fällt mit der Nachsorge:

Schritt sieben. Alles in allem besteht die Aufgabe darin, über Präsenz – Begleitung, Beobachtung, Kontrolle – die Wahrscheinlichkeit erneuter Angriffe zu minimieren, über Wiedergutmachungen und Sanktionen eine normverdeutlichende Wirkung auf die Gruppe und eine Verhaltensanpassung bei den Täterinnen und Tätern zu erzielen und parallel die Wirkfaktoren Beziehung, Anerkennung und Training regelmäßig zu nutzen. Das klingt nach viel Arbeit – und tatsächlich braucht diese Arbeit viel Zeit. Gleichzeitig handelt es sich um eine sehr befriedigende Tätigkeit.

Der Klassenleitung obliegt die intensive Kontaktpflege zu den Beobachtern der Menschenrechte und ggf. den Buddys, inklusive einer ritualisierten Überprüfung der Unterlassungserklärung. Zunächst sind mindestens zwei Kontakte pro Woche erforderlich, diese werden schrittweise ausgedünnt. Bei jedem Rückfall, also bei jedem erneuten Mobbingfall, muss die Häufigkeit der Kontakte wieder erhöht werden. Nach frühestens einem halben Jahr „Symptomfreiheit“ kann die Überprüfung der Unterlassungserklärung ausgesetzt werden.

Literatur

Grüner, T.; Hilt, F.; Kimmel, B.; Schmidt, J. u. a.: Was tun bei (Cyber)Mobbing? Intervention und Prävention in der Schule. Ludwigshafen, Klicksafe Eigenverlag (2019). 

Grüner, T., Hilt, F., & Tilp, C.. „Bei STOPP ist Schluss!“ Werte und Regeln vermitteln. Lichtenau, AOL-Verlag (2015).

Grüner, T./Hilt, F.: Systemische Mobbingprävention und Mobbingintervention. In A. Huber (Hrsg.): Anti-Mobbing-Strategien für die Schule. Praxisratgeber zur erfolgreichen und nachhaltigen Intervention (S. 89 – 106). Köln, Wolters Kluwer (2011).

Linßer, J.: Möglichkeiten der Förderung einzelner Dimensionen sozialer Kompetenzen im Kontext von Schule. Inaugural-Dissertation, publiziert, Universität Münster (2019).

Omer, H. & Schlippe, A. v.: Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprecht (2010).